Die Geschichte des Kieswerks

Schon vor über hundert Jahren entdeckte man unter der Walderde im Gunzger Foren­ban dicke Sandschichten. Deshalb hob man dort ein Loch aus und begann diesen Bo­denschatz wirtschaftlich zu nutzen. Die Zimmerleute und später die Baumeister konn­ten gegen eine Gebühr aus dieser Grube «Grien» (Kies) beziehen. Für die Gunzger Bürger war das Material gratis. Alle Bezüger mussten den Kies selber ausgraben und aufladen. Dabei kam es nicht selten zu Komplikationen. Darum wurden im Jahre 1912 Vorschriften und ein Reglement erlassen, um einen geordneten Kiesbezug zu erlangen. Zudem wählte die Bürgergemeinde Gunzgen einen Grubenmeister, der zugleich als Fronkontrolleur und Wegmacher amtete. Dieser musste den Kies ausgraben bzw. ab der bereits bestehenden Grubenwand herunterreissen und dann sortieren und sieben. Schaufel, Hacken, Karst und ein Karren sowie ein zirka zwei Quadrat Meter grosses Sandsieb waren seine Werkzeuge. Mit diesen schuf er die angebotenen Produkte, d.h. feinen Sand, Weggrien (Kies) sowie Rundsteine in verschiedenen Grössen. Als Rüster­lohn für das Sandsieben erhielt er fünf Rappen pro Kubikfuss, das waren zirka Fr. 1.35 pro Kubikmeter. Das Abtragen der oberen Humusschicht wurde in Fronarbeit ausge­führt und mit 50 Rappen pro Stunde entschädigt. Einen grossen Teil des gewonnenen Kieses verbrauchte die Gemeinde selber. Jedes Frühjahr wurden damit die Löcher in den Gemeindestrassen und Flurwegen, aber auch in der Kantonsstrasse, aufgefüllt, denn geteerte Strassenbeläge kannte man damals noch nicht. Mit dem «Berggrien» – das die Bauern mit ihren Pferdefuhrwerken im Steinbruch in Egerkingen holten – er­stellte man auf den Flurwegen und Strassen einen neuen Deckbelag. Jeder Einwohner, der mehr als 40 Aren Kulturland besass, war zur Fronarbeit, also zur Mitarbeit beim Weg- und Strassenunterhalt, verpflichtet.

Simon Walser – der legendäre Grubenmeister
Die Kiesgewinnung mittels primitiven Handwerkzeugen dauerte bis in die 1950er-Jah­re. Die Grube erreichte schon einen Durchmesser von zirka 50 Metern und eine Tiefe von acht Metern, als immer noch auf die gleiche Art Kies abgebaut wurde. Als letzter Grubenmeister der urchigen Art war Simon Walser im Einsatz. Pflichtbewusst erledig­te er tagtäglich die schwere Arbeit. Es liess sich dabei kaum ablenken, nicht mal dann, wenn ihn Lausbuben von der Böschung herab «hänselten» und mit Steinen bewarfen.

Nach dem 2. Weltkrieg wird viel gebaut
Da die Bautätigkeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts enorm anstieg, verpachtete die Bürgergemeinde die Kiesgrube vorerst an einen Baumeister. Der erzielte Pachtzins war eine willkommene Einnahmequelle. Dank dieser konnte die Bürgergemeinde die Armensteuer aufheben. Sie war für jeden steuerpflichtigen Gunzger Bürger eine spürbare finanzielle Belastung, denn deren Satz betrug im Jahre 1959 immer noch fünf Prozent der Gemeindesteuer. Nachher schrieb man – auf Initiative von Bürgerammann lgnaz Meier – die Pacht des Grubenareals zur Konkurrenz aus. Und siehe da, es kamen interessante Angebote. Mit dem meistbietenden Jakob Fritschi wurde 1960 ein Bau­rechts- und Kiesabbau-Vertrag abgeschlossen. Dieser Baumeister erstellte nördlich des Forenbans die nötigen Bauten und Anlagen zum Sortieren, Sieben, Steinbrechen etc. und eröffnete nachher das Kieswerk mit der Firmenbezeichnung «Kies-, Beton- und Teerasphalt AG, Gunzgen». Das Geschäft mit dem Kiesabbau florierte. Dazu hatte der Bau des Belchentunnels und der Autobahnen Al und A2 viel beigetragen, denn für deren Strassenbelag und Kunstbauten (Brücken usw.) wurden enorme Mengen von Kies und Beton benötigt. Schon nach zehn Jahren war die erste Abbauetappe (westlich des Kieswerkes) erschöpft. Dann folgten die zweite Etappe östlich des Kieswerkes und ein paar Jahre später die dritte Abbauetappe (südlich im Forenban).

Die Rennpiste
Die teilweise wieder aufgefüllte Grube der ersten Bauetappe diente mehrmals als hü­gelige Piste für Sportanlässe, wie Motocross und Stockcar-Rennen mit abbruchreifen Autos. Im Laufe der Zeit wurde dann die Grube mit Bauschutt ganz aufgefüllt. Als sie ganz mit Humus überdeckt war, konnte das dadurch wiedergewonnene Kulturland an einen Bauern verpachtet werden.

Ein Baggersee entsteht
In der Grubensenke der zweiten Abbauetappe verwandelte sich das Sickerbecken suk­zessive zu einem Weiher und nachfolgend zu einem See. Darin und in der «verhusch­ten» Uferzone siedelten sich unzählige Lebewesen an. Das entstandene und seit 1983 geschützte Biotop wurde sporadisch mit gezielten Massnahmen modelliert und ge­pflegt. Dank diesen entstand aus dem ursprünglichen Baggersee ein Lebensraum für viele Wasser- und Kriechtiere sowie Vögel. Man hat dort z.B. schon über 30 Libellen­arten gesehen. Das kleine, prächtige Naturreservat fand schon bald allseitige Bewun­derung. Damit es nicht verwilderte, musste es gehegt werden. Für diesen Unterhalts­dienst wurden dort im Jahre 1998 drei «Wolle-Säue» (Wollschweine) angesiedelt, die mit ihrer Wühlarbeit den Boden der Uferzone lockerten und einen übermässigen Un­krautwuchs verhinderten. Die Schweine erfüllten als «Gemeindeangestellte» zu Beginn ihre Aufgabe recht gut. Auch ihre Familienplanung stimmte, denn sie bekamen schon bald Nachwuchs. Doch nach acht Jahren war ihr Einsatz nicht mehr befriedigend, denn sie wurden von Tierfreunden mit Küchenabfällen gefüttert. Ein Schwein durch­brach sogar einmal den Zaun und kreuzte im Dorf auf, wo es nach noch besserem Fressen suchte. Wahrscheinlich wollte es aber nur seinem Sponsor, dem Bürgerrat Urs Kamber, einen Besuch abstatten. Wieso es sich auf die Treppe vor dem Restaurant «Hirschen» setzte und dort wartete, weiss ausser ihm niemand. Nachdem man keinen Nutzen mehr sah, beendigte man das Engagement der Schweine und entliess bzw. entfernte sie aus dem Areal des Feuchtbiotops. Dieser «Wolle-Säu»-Einsatz war eine lustige Episode.

Die dritte Etappe des Kiesabbaus
Wofür ein Teil des Forenbans gerodet und das seit 1971 dort stehende Waldhaus des Natur- und Vogelschutzvereins gezügelt werden musste, wurde vor einigen Jahren begonnen. Aufgrund der geplanten weiteren Etap­pen wird in Gunzgen noch einige Jahre Kies abgebaut. Die Bürgergemeinde Gunzgen profitiert von den Entschädigungen für den abgebauten Kies. Mit diesen finanziellen Mitteln baute sie im Laufe der Zeit Mehrfamilienhäuser, erwarb einen Bau­ernhof sowie weiteres Bauland. Sie unterstützt aber auch Bauten auf dem Gemeindegebiet sowie Kulturanlässe der Einwohner- und der Kirchgemeinde. «Jede Medaille hat eine Kehrseite», lautet ein alter Spruch. Das war auch in diesem Falle so. Der Kieswerkbetrieb hatte auch negative Auswirkungen, und zwar der Last­wagenverkehr. Täglich fuhren unzählige solche «Brummer» auf der schmalen Strasse durch die Allmend. Die Belästigung durch die Abgase und schmutzigen Räder der Lastwagen war enorm. Ganz erheblich war die Unfallgefahr. Im Jahre 1986, also erst 24 Jahre nach Eröffnung des Kieswerkes, wurde eine neue Strasse ausserhalb des Wohngebietes gebaut. was vorallem auch den Weiler Allmend entlastete.

Kiesgrube als historische Fundgrube
Beim Kieswerk in Gunzgen wurden nebst Sand und Kies noch weitere Zeugen aus den Eiszeiten gefunden. Eine grosse Anzahl erratische Blöcke (Findlinge). Der grösste Findling war zirka 40 Tonnen schwer. Nach Aussagen von Wissenschaftlern stammen diese Findlinge aus den Walliser Alpen. Der Rhonegletscher hatte sie von dort hierher transportiert. Die «Reisezeit» der Findlinge hatte vier- bis sechstausend Jahre gedauert. In der Gunzger Grube kamen aber auch tierische Überbleibsel aus jener Zeit zum Vorschein. Im Jahre 1971 fand man einige Zahnsplitter und zwei Jahre später sogar einen ganzen Mammut-Stosszahn.